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Für die Ewigkeit entworfen: Wie zirkuläres Denken das industrielle Produktdesign verändert

2026 stellen die vorausschauendsten Industriedesignerinnen und -designer nicht mehr nur die Frage „Wie sieht es aus?“ — sondern „Wie lässt es sich zerlegen?“ Modulare Gehäuse, digitale Produktpässe, reparaturfreundliche Konstruktionen: Nachhaltigkeit wird zur gestalterischen Grundsatzentscheidung — nicht zur Marketingbehauptung.

Es gibt eine Frage, die Industriedesignerinnen und -designer so noch kaum beantworten mussten: Wie endet dieses Produkt? Nicht wie es versagt oder weggeworfen wird — sondern wie es sich sauber und vollständig zerlegen lässt, sodass seine Materialien als etwas Nützliches in die Welt zurückkehren können, statt als Abfall.

Diese Frage steht 2026 im Zentrum des professionellen Produktdesigns. Angetrieben wird das nicht nur durch veränderte Werte, sondern durch verbindliche gesetzliche Fristen.

Von freiwillig zu verpflichtend

Der EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft tritt nun in die aktive Durchsetzungsphase ein und hat Nachhaltigkeit von einem Markenversprechen zu einer gesetzlichen Anforderung für viele Produktkategorien gemacht. Hersteller, die Waren auf dem EU-Markt in Verkehr bringen, müssen zunehmend nachweisen, dass ihre Produkte langlebig, reparierbar, recyclingfähig und ökologisch transparent sind — und das mit Daten belegen.

Zentrales Instrument dafür ist der Digitale Produktpass (DPP), eingeführt durch die EU-Ökodesignverordnung für nachhaltige Produkte. Jeder DPP ist ein strukturierter digitaler Datensatz, der mit einer eindeutigen Produktkennung verknüpft ist und Materialzusammensetzung, CO₂-Fussabdruck, Reparaturanleitungen, Zerlegungshinweise und Entsorgungswege umfasst. Ohne gültigen DPP — die Einführung des EU-Zentralregisters ist für Juli 2026 geplant — werden Produkte in den betroffenen Kategorien Marktzugangsprobleme bekommen. Die Anforderungen für Batteriepässe treten bereits stufenweise in Kraft; Textilien, Elektronik und Bauprodukte folgen.

Für Schweizer Unternehmen, die in den EU-Markt exportieren, ist das kein fernes Thema. Es ist ein aktiver Compliance-Horizont.

Was zirkuläres Design wirklich erfordert

Zirkuläres Design klingt im Prinzip einfach. In der Praxis erfordert es ein grundlegendes Umdenken darüber, wie Produkte zusammengefügt werden — nicht nur woraus sie bestehen. Laut Eckstein Design, einem Münchner Industriedesignstudio mit ausgewiesener Expertise in Investitionsgütern und Medizintechnik, bedeutet zirkuläres Design 2026: Materialien müssen nach Typ trennbar sein, Komponenten müssen einfach zu demontieren sein, und Produkte müssen für Aufarbeitung, Zweitnutzung oder Rücknahmeprogramme optimiert sein.

Konkret bedeutet das: modulare, schraubenverbundene Gehäuse statt geklebter; langlebige und reparierbare Konstruktionen; bewusst ausgewählte Materialien mit dokumentiertem Recyclinganteil; und CO₂-reduzierte Fertigungsprozesse. Die Logik ist nicht nur ökologisch — sie ist wirtschaftlich. Produkte, die auf Reparatur und Aufarbeitung ausgelegt sind, generieren laufende Serviceumsätze. Produkte, die sich zerlegen lassen, gewinnen am Ende ihrer Nutzungsdauer Materialwert zurück. Das Lebenszykluskosten-Argument für zirkuläres Design wird ebenso überzeugend wie das regulatorische.

Der Produktpass als neues Design-Briefing

Der Digitale Produktpass ist mehr als ein Compliance-Instrument. Er ist, in einem bedeutsamen Sinne, eine neue Art von Design-Briefing. Da der DPP Reparatur- und Zerlegungsanleitungen, Kreislaufinformationen und Materialzusammensetzung über die gesamte Produktlebensdauer dokumentieren muss, zwingt er Designteams dazu, von Beginn der Entwicklung an über den gesamten Lebenszyklus nachzudenken — nicht erst als Nachgedanken.

Der DPP ist zudem dynamisch: Er kann aktualisiert werden, um Reparaturen, Aufarbeitungen, Wiederverkauf oder Recycling abzubilden, und hilft dabei, Produktwert zu erhalten und Informationsverluste über Lebenszyklen hinweg zu reduzieren. Er ist weniger ein Etikett als ein lebendiger Datensatz, der das Produkt durch jede Phase seines Lebens begleitet. Für Designschaffende bedeutet das: Entscheidungen über Materialwahl, Fügungen und Modularität hinterlassen einen dauerhaften, nachvollziehbaren Abdruck. Das ist eine erhebliche berufliche Verantwortung — und eine erhebliche kreative Chance.

Jenseits der Compliance: Vertrautheit als Designwert

RKS Design, ein kalifornisches Produktdesignstudio, liefert einen interessanten ergänzenden Blickwinkel. Sie beobachten, dass die vertrauenswürdigsten Produkte — während Produkte intelligenter und komplexer werden — diejenigen sind, die ihre Funktion durch die Form selbst kommunizieren: durch Materialverhalten, Haptik, Gewicht und physisches Feedback, nicht durch Bildschirme, Dashboards und Aufforderungen. Aus dieser Perspektive konvergieren zirkuläres Design und intuitives Design: Produkte, die ehrlich zeigen, woraus sie bestehen, wie sie funktionieren und wie sie repariert werden können, sind auch Produkte, die Nutzerinnen und Nutzer verstehen und denen sie vertrauen können.

Nachhaltigkeit ist in diesem Verständnis keine Schicht, die über gutes Design gelegt wird. Sie ist Teil dessen, was gutes Design ausmacht.

Unsere Einschätzung

Die Hinwendung zum zirkulären Industriedesign ist eine der substanziellsten Veränderungen in den Designberufen gerade — eben weil sie nicht primär von Ästhetik oder Trendzyklen angetrieben wird, sondern von Regulierung, Materialwissenschaft und echter ökologischer Dringlichkeit. Für Designschaffende ist das gleichzeitig eine Einschränkung und eine Einladung: eine Einschränkung, weil die Regeln real und die Fristen näher rücken; eine Einladung, weil das Gestalten für Langlebigkeit, Reparierbarkeit und ehrlichen Materialeinsatz ein reicheres, interessanteres Designvokabular eröffnet als „Lass es gut aussehen und schick es raus.“ Die Frage „Wie lässt sich das zerlegen?“ entpuppt sich als eine der produktivsten Fragen, die eine Designerin oder ein Designer stellen kann.

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